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Interview


Interview mit Harald Georgii für die Nominierung zum Bundestagskandidaten der SPD im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg Ost

Warum bewirbst du dich für die Bundestagskandidatur?

Weil ich der SPD ein gutes Angebot machen möchte. In zwölf Jahren Berufstätigkeit im parlamentarischen und politischen Bereich habe ich Erfahrungen gesammelt, die ich gerne für unser Land und die SPD einbringen würde. In der Bundestagsverwaltung, der SPD-Bundestagsfraktion und der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus habe ich immer sehr gerne gearbeitet. Jedoch habe ich auch bemerkt, dass meine Leidenschaft und meine Begeisterung für politische Arbeit den Wirkungsradius eines Fraktionsreferenten oder Bundesbeamten sprengt. Im Bundestag möchte ich eine laute Stimme sein für die Ideale der Aufklärung, für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – ganz gleich, ob es um Rechtspolitik geht oder um Steuern.

In Ravensburg, in der Bodensseeregion bin ich aufgewachsen. Durch Studium und Arbeit bin ich viel herumgekommen: Heidelberg, Paris, Köln und schließlich Berlin. In Kreuzberg bin ich heimisch geworden. Hier habe ich inzwischen viele Freunde und hier engagiere ich mich für ein menschliches und soziales Umfeld. Für mich liegt es auf der Hand, mich hier zu bewerben.

Was sind für dich die Stärken der SPD im Wahlkreis ?

In Zeiten sozialer Verdrängung, wo zu beobachten ist, wie der Kiez zwar schöner wird, aber viele Mitbürger Angst bekommen, bald nicht mehr dabei zu sein, weil sie es sich nicht mehr leisten können, hier zu wohnen, wird die SPD als die “Schutzmacht der kleinen Leute” dringend gebraucht.

Welche Akzente, Schwerpunkte sind für dich in der Parteiarbeit im Wahlkreis und in der Bundespolitik in den kommenden zwei bis drei Jahren wichtig ?

Wir müssen uns ehrlich machen, den Leuten sagen, was geht und was nicht geht. Staat und Parteien durchleben eine dramatische Vertrauenskrise. Das zeigt sich nicht nur bei der Steuermoral und den unterschiedlichen Auffassungen zu Europa bei Wählern und Gewählten.

Auch wenn es abgedroschen klingt: Zur Ehrlichkeit gehört, dass wir offen darüber reden, wie wir mit Globalisierung und demographischer Entwicklung umgehen. Wir müssen aber aufhören, uns jeden neoliberalen Floh ins Ohr setzen zu lassen. Wirtschaftsforschungsinstitute betrachten und beschreiben die Welt aus einer ganz bestimmten Perspektive. Wir Sozialdemokraten aber haben einen politischen Anspruch. Ich will deutlich machen: Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt. Den Menschen fühlen wir uns verpflichtet, nicht den Aktienmärkten.

Soziale Gerechtigkeit ist für dich:

Wenn alle Bürgerinnen und Bürger auch wirklich am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Es geht nicht an, dass sich einer nicht mehr auf die Straße traut, weil man ihm am Gebiss die Armut ansieht. Die Gesellschaft darf sich nicht weiter aus der Daseinsvorsorge zurückziehen. Kurz: Nicht nur Chancengleichheit, sondern selbstverständlich auch Verteilungsgerechtigkeit.

Welches sind für dich die ersten 3 vorrangigen Aufgaben, um die sich die SPD-Politiker/innen in der kommenden Wahlperiode kümmern müssten?

1.   Nachhaltigkeit: In allen Bereichen muss die Politik über den Tag hinaus gerichtet sein. Wir dürfen uns nicht nur an der nächsten Bildzeitungs-Schlagzeile orientieren. Das heißt für mich: Generationengerechtigkeit und ökologischer Umbau der Industriegesellschaft. Das heißt aber auch: Solides Wirtschaften und keine neuen Schulden!

2.   Freiheits- und Bürgerrechte stärken: Nach zahllosen Sicherheitspaketen (“Otto-Katalog”) infolge des 11. September ist es Zeit zu überprüfen, welche Eingriffe in Freiheitsrechte wirklich notwendig waren. Wir müssen neue Formen der demokratischen Bürgerbeteiligung entwickeln.

3.   Ein reiches und mächtiges Land wie Deutschland trägt internationale Verantwortung. Die müssen wir wahrnehmen. Vor allem dürfen wir die Tragödien in Afrika nicht länger ausblenden, z.B. den Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Schon aus eigenem Interesse: Wenn wir uns nicht an der Lösung der Probleme beteiligen, werden diese irgendwann zu uns kommen. Internationale Verantwortung heißt auch: Kein “weiter so” bei Rüstungsexporten.

Die Arbeitsmarktreform, genannt Hartz IV, ist nach deiner Einschätzung:

Eine im Grundsatz absolut notwendige und richtige Reform: Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war überfällig. Es ist auch richtig, dass die Leistungen von der Bedürftigkeit abhängen. Auch die Besserstellung der Sozialhilfeempfänger, u.a. durch höhere Zuverdienstmöglichkeiten, begrüße ich. Und am wichtigsten: Auch Langzeitarbeitslose, die bisher durch die Arbeitsagentur nur noch verwaltet wurden, sollen wieder so gut es geht vermittelt werden. Gut ist auch, dass Jugendliche eine gezielte Förderung erhalten.

Gefreut habe ich mich über die Veränderung bei der Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld I: Langjährige Beitragszahlungen müssen berücksichtigt werden. Die aufgrund der Erpressung durch CDU/CSU und entsprechendem Druck der veröffentlichten Meinung eingeführten Zumutbarkeitsgrenzen hingegen sind ein Skandal. Zwang zu Arbeit unter Tarifniveau ist nicht hinnehmbar. Das gleiche gilt für den kriminellen Umgang mit der Zeitarbeit, die zur Lohndrückerei missbraucht wird.

Welchen Stellenwert haben Wahlkreisarbeit und Kontakt mit der Basis für dich – und in welcher Form stellst du dir diese Arbeitsbereiche vor?

Ein Abgeordneter ist zuerst ein Diener seines Wahlkreises. Er hat als Dienstleister zu arbeiten. Die Abteilungen und der Kreis müssen einen kurzen Draht in den Bundestag haben, um schnell die aktuellen Nöte in die Regierungsstellen melden zu können. Da ich die Bundesverwaltung ganz gut kenne, werde ich die erforderlichen Kontakte in die Ministerien vermitteln können.

Wie stellst du dir den kommenden Wahlkampf vor?

Kämpfen von morgens bis abends. Sagen, was wir in der Vergangenheit gut gemacht haben: Agrarwende, Atomausstieg, erneuerbare Energien, Grundsicherung bei der Rente, Irak, Lebenspartnerschaften, Staatsbürgerschaft, Zuwanderung. Aber auch schonungslos sagen, was schlecht war. Wir müssen sehr präzise sagen, was wir vorhaben: z.B. Bürgerversicherung, Ganztagsschulen, bessere Hochschulen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir müssen die Mitbewerber stellen und dürfen ihnen nicht durch gehen lassen, wenn sie sich weiter vor klaren Aussagen zu den zentralen Politikfeldern drücken.

Ich will einen engagierten Straßenwahlkampf. Wir müssen uns zeigen, auf die Leute zugehen, mit ihnen reden. Wir müssen auf allen Festen im Wahlkreis präsent sein, auf jedem Markt einen Stand haben und die neuen Medien nutzen. Z.B. mit Fragebögen müssen wir den WählerInnen vor Augen führen, dass sie am 27. September 2009 über konkrete Fragen, die sie betreffen, entscheiden.

 

 

 

 
 

Harald Georgii, Jurist Regierungsdirektor

geboren am 18.3.1967 in Ravensburg. Zivildienst in einer Einrichtung für Obdachlose und Nichtsesshafte. Studium der Rechts­ wissenschaften in Heidelberg, Paris und Köln.

Seit 1996 beim Deutschen Bundestag, u.a. im Bereich Haushalt und Finanzen, Verfassungsrecht und in Untersuchungs- ausschüssen. Vor Ort engagiert als Vorsitzender der SPD Kreuzberg 61 und Mitglied mehrerer lokaler Initiativen.

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