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Wir haben die Wahl verloren... - haben wir?


Im Wahlergebnis liegt eine riesige Chance
 

Eine Wahlnachlese

Nach dem Wahlsieg 1998 war plötzlich in aller Munde: Die Vision Willy Brandts von einer Mehrheit jenseits der Union ist Realität geworden. Zweimal hintereinander wird die Sozialdemokratie zur stärksten Fraktion im Deutschen Bundestag gewählt, zweimal hintereinander erringen wir gemeinsam mit den Grünen eine parlamentarische Mehrheit. Und jetzt? Am 22. Mai 2005 alles verspielt?

Bei der Bundestagswahl 1998 erhielt die SPD rund 20,2 Mio. Zweitstimmen, vier Jahre später waren es noch 18,5 Mio. und dieses Jahr gerade mal knapp über 16 Mio.. In sieben Jahren Rot-Grün sind uns 4 Mio. Stimmen bzw. jeder fünfte Wähler abhanden gekommen. Das Rot-Grüne Projekt ist abgewählt, ist beendet. Ende in einer Sackgasse?

Erinnern wir uns richtig:

Was war am 27. September 1998 passiert? Ein eindeutiger Wählerauftrag an das Rot-Grüne Projekt? An jenen Wahlabend erreichte ich gegen 17 Uhr das Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn. Die Ergebnisse der Nachwahlbefragung machten die Runde: SPD 6 Prozentpunkte vor der Union! Allgemeines ungläubiges Kopfschütteln, keiner wollte den Zahlen trauen: „Rot-Grün erhält niemals eine eigene Mehrheit.“ „Die Leute wollten doch Helmut Kohl abwählen und mit ihm 16 Jahre Stillstand.“ Die Umfragen versprachen eine große Koalition. „Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen!“ und auf dem Garantiekärtchen stand: „Der 10. Grund heißt Helmut Kohl.“ Kaum einer erwartete Rot-Grün, die Mehrheit jedenfalls hat das nicht bewusst gewählt. Eine schwere Hypothek für das dann doch mögliche neue Reformbündnis. Schon beim ersten großen Thema – Reform des Staatsangehörigkeitsrecht – fehlte uns die Zustimmung in der Bevölkerung. Die erste Landtagswahl ging auch prompt verloren, die Mehrheit im Bundesrat war futsch. Die frühe Begeisterung war schnell verflogen. Nach einem Jahr war das Bündnis politisch am Ende. Erst mit Kohls Parteispendenskandal kam die Rettung, ohne diesen ein Durchhalten bis 2002 undenkbar.

Bereits vor der Wahl 2002 waren wir wieder abgeschrieben. Ein Themenwahlkampf wurde gar nicht erst versucht. Wen hätten wir für sozialdemokratische Politik begeistern wollen? Dann kam der Irakkonflikt und das erfolgreiche Krisenmanagement bei der Flut – zwei veritable Wahlargumente. Auf diesen beiden Sachverhalten gründete der damals überraschende Wählerauftrag, auf sonst nichts. Die Zeche war anschließend bei jeder Landtagswahl zu zahlen. Spätestens seit Sommer 2003 standen wir im Trommelfeuer der vereinten Kräfte von Opposition und neoliberaler Presse und waren nur noch Getriebene. Die Kompromisse bei Gesundheit und Hartz IV lassen grüßen. Gestaltungsmacht adieu. Für sozialdemokratische Regierungspolitik wurde uns schlicht die Legitimation abgesprochen. Die „gefühlte Mehrheit“ in diesem Lande war längst bei Union und FDP. Die Union sah sich berufen, diese Mehrheit via Bundesrat zu exekutieren. Dies war die Lage am Abend des 22. Mai 2005. Dies war der Grund, warum Gerhard Schröder eine Klärung durch den Wähler suchte.

Wohl wahr, für eine Bestätigung der rot-grünen Mehrheit hat es nicht gereicht. Eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ist wegen der beteiligten Personen ausgeschlossen. Wegen des erheblichen Stimmensplittings kann die FDP bei einer Ampel nicht mitmachen. An einer großen Koalition führt kaum ein Weg vorbei.

Doch das Wahlergebnis enthält eine klare inhaltliche Botschaft. Die „gefühlte Mehrheit“ von Union und FDP ist am 18. September geplatzt. Für eine neoliberale Politik gibt es in Deutschland keine Mehrheit. Mit Steuersätzen ohne Rücksicht auf die persönliche Leistungsfähigkeit, mit der Einschränkung des Kündigungsschutzes und der Tarifautonomie sind keine Wahlen zu gewinnen. Die Deutschen wollen eine solidarische Bürgerversicherung, keine unsoziale Kopfpauschale, sie teilen unsere Vorstellung von einem europäischen Sozialmodell. Der Wiedereinstieg in die Atomkraft findet keinen Rückhalt, die ökologische Erneuerung und die Strategie „Weg vom Öl“ ist mehrheitsfähig.

Nur selten zuvor konnten wir mit sozialdemokratischen Themen derart Punkte machen wie in diesem Wahlkampf. Es war die inhaltliche Zuspitzung, die uns auf den letzten Metern wieder in die Offensive gebracht hat. Zum ersten Mal hat sich eine klare Mehrheit jenseits der Union bei den Sachfragen gefunden. Auch wenn die SPD im neu gewählten Bundestag weniger Mandate stellt, haben wir in dieser Wahl eine Legitimation erhalten, die uns in den beiden vergangenen versagt blieb: Eine Legitimation für unsere Inhalte!

Dies ist eine Chance, aber auch eine Verpflichtung, die wir jetzt ergreifen bzw. der wir gerecht werden müssen. In die unvermeidlichen Verhandlungen mit der Union über einen Koalition können und müssen wir mit einem klaren sozialdemokratischen Profil gehen. Die Öffentlichkeit erwartet von den Volksparteien, sich zusammenzuraufen; an Personen darf das nicht scheitern – weder bei uns, noch bei den anderen. Bei den Inhalten aber haben wir die Mehrheit des Volkes auf unserer Seite. In den Verhandlungen gilt es, diese Inhalte kompromisslos zu vertreten. Am Ende kann nur ein Koalitionsvertrag stehen, der sozialen Fortschritt ermöglicht und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft erhält, der einen starken Staat gewährleistet, der öffentliche Güter, Verbraucherschutz und Arbeitnehmerrechte sichert. Dann erübrigen sich auch alle Befürchtungen, die Linkspartei könne von einer großen Koalition profitieren.

 

 
Standpunkte-Übersicht

I. Auf was es jetzt ankommt


Die Gesellschaft zusammenhalten...

Die Finanzmarktkrise zeigt, dass sich der Staat nicht aus der sozialen Sicherung zurückziehen darf.

Verfolgte aus den Krisengebieten dieser Erde brauchen eine sichere und würdige Perspektive für die Zukunft!

Wenn die offene Gesellschaft das Selbstvertrauen verliert...
Wir dürfen in unserem Bemühen um Sicherheit nicht unsere Freiheit aufgeben!

Die SPD hat für ihre Inhalte einen klaren Wählerauftrag erhalten. Das gilt es umzusetzen.

Zum Umgang mit der Partei DIE LINKE.

II. Warum wir für Rot-Grün gekämpft haben

Weil Rot-Grün eine erstaunlich gute Leistungsbilanz vorweisen kann

Weil Schwarz-Gelb für unser Land nicht gut ist

Weil Rot-Grün noch viel vor hat

III. Rechtspolitik

Zur aktuellen Debatte über Jugendkriminalität

Reform des strafrechtlichen Sanktionensystems

Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt

Bekämpfung der Korruption
 

IV. Gutachten

Zustimmungsgesetze nach der Föderalismusreform - Wie hätte sich der Anteil der Zustimmungsgesetze verändert, wenn die vorgeschlagene Reform bereits 1998 in Kraft gewesen wäre?

Rot-Grüne Bundesregierung vom Vorwurf der Falschinformation der Öffentlichkeit vor der Wahl 2002 entlastet.

Wertschöpfungsabgabe

 

 

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